Ein Fan erzählt

Ein Fan erzählt

Nein, nicht diese Fans aus Nord-Korea. 

Sondern ein Fan, der in Freiburg lebt.

Diese interessante und bewegende Story schrieb unser Fan Lurchi im November 2022. Vielen Dank!

Es gab in meinem Leben zwei Bands, die ich nie live habe spielen sehen können, deren Musik mich allerdings mein gesamtes Leben begleitet. Die BEATLES und DR. KOCH VENTILATOR. Gut, ich habe jede Menge gute Bands auch nicht live erlebt, trotzdem begleiteten auch sie mich, aber nicht so intensiv wie die beiden Erstgenannten.

Anfang der 80er trieb ich mich nachmittags gerne in der Innenstadt meiner Heimatstadt Freiburg rum. Auf der Suche nach mir selbst, Mädchen und neuer Rockmusik.

Mit der Musik fing alles für mich an, als meine Eltern mir an meinem achten Geburtstag das Weiße Album der BEATLES und meine erste Gitarre schenkten. Ich war ab diesem Tag vom Virus Popmusik infiziert. Fünf Jahre später war ich (vorerst) mit den BEATLES durch (kam später wieder, zum Glück) und die ersten Lindenberg-Scheiben hinterließen gute Eindrücke und steigerten mein Interesse an Rockmusik mit deutschen Texten. Krautrock hatte in den 70ern gezeigt, dass nicht nur Amerikaner und Engländer gute Musik machen konnten, aber die deutschen Kraut-Bands schrieben trotzdem nur englische Texte.

Mein Know-How und viele Tipps holte ich mir ab 1979 aus dem Radio. SWF3, der geniale Vorgänger vom heutigen Schwaben-Einheitsbrei-Dudel-Sender SWR, mit seinen Moderatoren Frank Laufenberg, Bernd Mohrhoff, Klaus Schürholz, Alan Bangs und die monatlich erschienene Zeitschrift Musikexpress lieferten die Informationen, die ich benötigte, um den Soundtrack meiner Jugend zu finden und zu festigen.

Strassenjungs“ aus Frankfurt hatten zwei Scheiben herausgebracht, „Dauerlutscher“ und „Wir ham' ne Party“, beide sehr clash-mäßig. Viel mehr Deutschrock war aber noch schwer zu finden. Westernhagen gilt es noch zu erwähnen. „Ideal“ und „PVC“ aus West-Berlin hatte ich von dem älteren Bruder eines Mitschülers auf Cassette überspielt bekommen. Und natürlich besaß ich einen Sony Walkman, der mich ständig begleitete, soweit ich Kohle hatte für die Batterien.
Die unsägliche Neue Deutsche Welle sollte uns glücklicherweise noch ein wenig verschont bleiben.

Ich streifte also fast jeden Nachmittag durch die drei wichtigen Freiburger Plattenläden „Rimpo“, „Ruckmich“ und „Die Schallplatte“. Letzteres hatte eines Tages sämtliche Schaufenster und auch das große Ladengeschäft, in dem man damals noch rauchen und in großen Sesseln abhängen durfte, mit Plakaten und Plattencovern einer Band namens DR. KOCH VENTILATOR dekoriert (siehe hier). Es waren die Hüllen der ersten beiden LPs. Bestimmt 100 der leeren Hüllen und zwei Dutzend Konzertplakate hatte sich der Ladenbesitzer vom Plattenlabel schicken lassen, um ein Konzert im Umland, aber auch eine Autogrammstunde der Band aus West-Berlin in seinem Plattenladen anzukündigen. 


Rio-Reiser-Platz in Berlin-Kreuzberg, früher Heinrichplatz

Berlin-Kreuzberg, Anfang der 80er-Jahre 

(Rio-Reiser-Platz, früher Heinrichplatz)

Die Mauerstadt war zu dieser Zeit noch eine Insel der Glückseligkeit, gelegen mitten im Schlumpfdorf DDR, aber vor denen und uns Westdeutschen geschützt durch Beton und Stahl; ein Kleinod, in dem man nicht zum Bund gehen musste, rund um die Uhr geöffnete Kneipen vorfand und aus der wichtige Bands (Spliff, Interzone, Ideal, PVC und eben auch die Ventilators) kamen. Das gelobte Land also, und von dort schickte uns der Rock'n'Roll nun die Band DR. KOCH VENTILATOR in unser badisches Kaff. 

Ich versuchte im Vorfeld alles in Erfahrung zu bringen, was ich konnte. Ohne Internet, Handy und Kontakte nach Berlin mit nicht wirklich viel Erfolg. Die Band sollte in der „Arche“ in Waldkirch spielen, im hintersten Hinterland von Freiburg und unerreichbar für einen 13-jährigen. Da meine Eltern mir erzählten, in der Arche würde man Haschisch spritzen und gratis Heroin an Teenager verteilen, um diese dann süchtig zu machen und auf den Straßenstrich zu schicken (obwohl wir gar keinen hatten), war meine Chance dorthin zu dürfen nicht Null, sondern im hohen zweistelligen Minusbereich. 

Die "High Heels"-Frau vom Cover der 2. LP

Was mir blieb, war die Autogrammstunde im Plattenladen. Und meine 20 Tacken Taschengeld, die ich für die „Torso in Aspik“ noch vor dem Tag der Autogrammstunde investierte, weil ich damals schon auf langbeinige „High Heels“-Frauen stand und mich deswegen das Cover ansprach. (Dieser fiese Marketing-Trick hatte bei mir funktioniert.)

Zuhause legte ich die Scheibe auf meinen Thorens TD 102, und hörte die Platte eine Woche ununterbrochen. Einem Teenager, wie ich es damals war, gefielen natürlich Texte wie Christa und später auch „Tina“, von der ersten LP. Aber mir gefiel noch mehr die Musik, die schnellen Riffs der Gitarre, die intelligenten Keyboards (erinnerten mich damals sofort an Keith Emerson), das soulmäßige Saxophon und die sympathisch abgefuckte Stimme von Schmidt-Martin.

Bei der Autogrammstunde in Freiburg war dann richtig viel los. Der Laden war voll und auch vor dem Geschäft standen Leute. Aus den Boxen kamen die Songs der Band.
Die fünf Musiker schrieben geduldig. Muss zwei, drei Stunden gedauert haben. Am meisten blieben mir Drummer Freiherr von Seydlitz (Showman par excellence), Keyboarder Klaus (ruhig und extrem freundlich) und der Saxophonist Alfred E. Wagner (sehr cool) in Erinnerung. Ich las regelmäßig MAD und fragte mich, ob Alfred E. Neumann der Namensgeber von Wagner war. War er, wie ich Jahre später erfuhr.

Abends war das später sagenumwobenen Konzert in der kultigen Arche, ohne mich, was ja klar war. Es muss proppenvoll gewesen sein. Alles was Rang und Namen hatte, war da. Ich nicht, wie erwähnt. Weil ich weder Rang noch Namen, dafür strenge Eltern hatte.

In der Folgewoche entdeckte ich auf unserem Schulhof ein Mädchen, die mit Edding den Schriftzug DR. KOCH VENTILATOR und alle Unterschriften auf ihrer olivgrünen Bundeswehrjacke geschrieben hatte. Sie sah aus, als hätte sie die beiden Stücke „Sie ist 15“ und „Heroin“ sehr oft gehört und wolle die Songs nun nachleben. Tat sie wohl auch. Ich sah sie nämlich nie mehr wieder. Wie vom Erdboden verschluckt.

Nicht so die Ventilators. In Freiburg war gefühlt jeder Zweite Fan der Band, und noch heute kriegen viele feuchte Augen beim Klang des Namens.

Die dritte Scheibe wurde schnell meine Lieblingsplatte und ist es bis heute geblieben. Wohl auch wegen der Keyboards. Hier schließt sich der Kreis zu Klaus Blumenthal, mit dem ich 2015 in Kontakt kam, durch einen glücklichen Zufall. Seither erfahre ich viele Informationen, die mir damals fehlten, und Fragen von damals wurden mir endlich beantwortet.


Lurchi aus Freiburg 

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